fr | en | sp | de

Die Neujahrswünsche für 2014 von Ariane Mnouchkine

Die Neujahrswünsche für 2014 von Ariane Mnouchkine

« Meine lieben Mitbürgerinnen, meine lieben Mitbürger,

Auf der Schwelle dieses Jahres 2014 wünsche ich Ihnen viel Glück.

Ist dies einmal gesagt … was habe ich gesagt? Was habe ich wirklich gewünscht?
Ich erkläre mich:

Ich wünsche uns erst eine gewagte Flucht und dann eine riesige Baustelle.
Zuerst der Pest dieser klebrigen Trübsal entfliehen, die in ungeheuren Mengen über uns ausgeschüttet wird, dieser giftige Schlamm aus Selbsthaß, aus Haß des anderen, aus Mißtrauen gegen alle und jeden, aus passiven und ansteckenden Ressentiments, sterilen Verbitterungen, nachstellenden Gehässigkeiten.

Die höhnische Ungläubigkeit fliehen, die von ihrer eigenen Wichtigkeit aufgeblasen ist, die auftrumpfenden Propheten des unweigerlichen Scheiterns fliehen, die Priester und Klageweiber einer für immer abgebrochenen Vergangenheit fliehen, die jede Zukunft versperrt.

Ist dieses schwierige Entrinnen einmal gelungen, wünsche ich uns eine Baustelle, eine kolossale Baustelle, riesenhaft, himalayagleich, unerhört, übermenschlich, gerade weil ganz und gar menschlich. Die Baustelle der Baustellen.

Diese Baustelle, an deren Zaun seit den vergangenen Wahlen unsere Gewählten so eilig das Schild angebracht haben: “Zutritt für Unbefugte verboten”.

Ich glaube, ich wage von der Demokratie zu sprechen.

Von Zeit zu Zeit befragt zu werden, genügt nicht mehr. Überhaupt nicht. Erklären wir uns alle für alles verantwortlich.

Betreten wir diese Baustelle. Keine Gewalt vonnöten. Schreie, Wut. Keine Feindseligkeit vonnöten. Nur Vertrauen braucht es. Blicke. Hören. Beständigkeit.
Der Staat, hierbei, sind wir.

Eröffnen wir Laboratorien, oder schließen wir uns den bereits unzähligen an, wo Frauen und Männer auf so viele Fragen und Probleme Antworten finden, sich Lösungen ausdenken und vorschlagen, die nur danach verlangen, erprobt und in die Praxis umgesetzt zu werden, mit Kühnheit und Umsicht, mit Vertrauen und Anspruch.

Fügen wir überall kleine Freie Zonen den bereits bestehenden hinzu.

Ja, solche kleinen mutigen Beispiele, die zum schöpferischen Mut ermuntern.

Experimentieren wir, wir selbst, in aller Bescheidenheit, fröhlich und ohne Arroganz. Mag das Mißlingen unser Lehrer sein, nicht unser Zensor. Legen wir unser Werk hundertmal auf den Webstuhl zurück. Untersuchen wir unsere winzigen Reagenzgläser oder riesigen Retorten genau, um auf unserer Suche nach einer besseren menschlichen Gesellschaft konkret voranzukommen. Vom Winzigen zum Kosmischen nämlich wird uns diese Arbeit mit sich nehmen und nimmt bereits jene mit, die sich ihr stellen. Wie die Dichter, die wissen, daß man bald eine Ode an die Tomate oder an die Seeaalsuppe schreiben, bald Die Züchtigungen schreiben muß. Ein Heilkraut in Amazonien retten, den Frauen die Freiheit, die Gleichheit, und oft das Leben sichern.

Und vor allem, vor allem, sagen wir unseren Kindern, daß sie auf der Erde quasi zu Beginn einer Geschichte ankommen und nicht an ihrem entzauberten Ende. Sie sind noch in den allerersten Kapiteln eines langen und sagenhaften Epos, und sie werden nicht seine stummen Rädchen sein, sondern im Gegenteil seine unausweichlichen Urheber.

Sie müssen wissen, daß sie, o Wunder, ein Werk, aus tausend Werken gemacht, zu vollbringen haben, gemeinsam, mit ihren Kindern und Kindeskindern.
Sagen wir es, laut und voller Nachdruck, denn viele von ihnen haben das Gegenteil gehört, ich aber glaube, daß sie das verzweifeln läßt.

Welch reichere Erbschaft können wir unseren Kindern hinterlassen als die Freude zu wissen, daß die Schöpfungsgeschichte noch nicht zu Ende ist und daß sie ihnen gehört.
Worauf warten wir? Auf das Jahr 2014 ? Hier ist es.

P.S.: Die beiden zitierten Dichter sind selbstverständlich Pablo Neruda und Victor Hugo. »

 

 

 

Mit Gruß und Dank an Edwy Plenel, der um diesen Text gebeten und ihn am 31. Dezember 2013 auf der Seite von [Mediapart ->http://www.mediapart.fr/journal/france/311213/les-voeux-d-epopee-d-ariane-mnouchkine] gelesen hat.

Lesen Sie unsere Briefe und Leitartikel